Familie

Davor – Danach

Ich hatte es ja gesagt – vor langer Zeit, dass ich weiterschreiben möchte. Über die Trauer. Über den Verlust. Heute ist der Tag. In mir ist es schwarz. Seitdem. Es gibt zwei Julias: davor und danach. Ungefragt. Plötzlich. Ungewohnt. Ich führe einen Kampf. Seit dem 28. Juli 2017. Und manchmal weiß ich nicht, ob ich ihn gewinne oder mich mit der Niederlage abfinden kann. So fühlt es sich nämlich an. Verloren zu haben. In diesem Spiel, das sich „Leben“ nennt. Eine Zeit war ich zufrieden, aber dann hat mich die Realität wieder eingeholt.

Ani, du bist unverschuldet gestorben. Es war einfach ein dämlicher epileptischer Anfall. Niemand kann etwas dazu (außer vielleicht dieser Kerl da oben, mit dem ich – wenn es ihn gibt – definitiv eine Rechnung offen habe). Trotzdem: Als Mutter fühle ich mich verantwortlich. Schuldig. Weil ich dich nicht beschützt habe. Weil ich Spaß hatte, während du um dein Leben gekämpft hast. Weil ich dich nicht retten konnte. Und als du gestorben bist, da ist ein Teil meines Herzen mit dir gestorben. Etwas, was man nie wieder reparieren kann. Und dieser Schmerz, er ist immer noch da. Er ist etwas stumpfer geworden. Zu Beginn war er spitz, stechend und schrill. Er ließ mich nicht atmen, nicht denken, bewegungsunfähig werden. Ich war völlig eingenommen vom Leid. Und trauern ist anstrengend. Meine Hausärztin meinte einmal zu mir: Trauern ist genauso anstrengend wie z.B. ein Beinbruch. Der Körper muss heilen. Aber es ist in sechs Wochen eben nicht geschafft. Und keiner sieht, dass du gerade in einem Heilungsprozess bist. Keiner sieht die Kraftanstrengung, die es kostet, aufzustehen, einzuschlafen, zu Essen, den Alltag zu bewältigen. Niemand sieht das schwarze Loch, das nur darauf wartet, dich zu schlucken…

Ich hatte mich im Mai 2017 auf eine neue Stelle beworben. Und dann tatsächlich im Oktober eine Zusage erhalten. Meine Kolleg*innen auf der alten Arbeit wussten Bescheid, die neue Arbeit nicht. Aber es fühlte sich richtig an. Einen Neustart. Es ist schlimm genug tagtäglich in diesem Haus, das wir nur für dich gebaut haben, an dich permanent erinnert zu werden. Oder besser gesagt an deinen Verlust. Also ein neuer Job. Ich freute mich darauf und wollte etwas bewirken. Aber alles, was eigentlich schon seit meinem Geburtstag im Oktober in mir gärte, nahm ich mit. Spaßeshalber sagte ich zu allen, die fragten, wie ich damit leben könne: Naja, entweder man schießt sich ’ne Kugel in den Kopf oder man lebt halt damit. Wieviel Schmerz und Wahrheit – aber auch wieviel Raum und Grautöne – in und zwischen diesen Worten steckten, sollte ich noch herausfinden und tue es immer noch.

Dieses Jahr – 2018 – war das beschissenste Jahr meines Lebens. Denn all der Kummer, all der Schmerz aus 2017 durch Anis Tod multiplizierte sich noch. Es macht mich wütend. Es macht mich traurig. Und dieses Jahr hat mir definitiv den Glauben an das Gute im Menschen geraubt. Zweimal musste ich mir eine längere Auszeit von der Arbeit nehmen. Weil nichts mehr ging. Weil ich nicht mehr wusste, wer ich war oder wo ich war. Es war erschreckend. Ich war auf einem absoluten Selbstzerstörungskurs. Ich wollte, dass nichts mehr da war, wofür es sich zu leben lohnt. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Ich habe mich völlig daneben benommen. Einige meiner Freunde sind immer noch Freunde. Und jetzt weiß ich sie noch mehr zu schätzen. Andere haben sich als Gut-Wetter-Freunde entpuppt und mich bildlich gesprochen am Boden liegen gelassen und nochmal nachgetreten. Ich kann nicht verstehen, wie man jemanden verurteilen kann, wie man sich das anmaßen kann, wenn man selbst nicht durch solch einen Schmerz gehen musste. Das macht mich wütend. Aber es macht mich auch unendlich traurig und kostet Kraft.

Die Weihnachtszeit ist hart. Du fehlst uns so sehr. Die Frage, was das alles für einen Sinn macht. Die Ungerechtigkeit. Aber auch die Anforderungen und die Bedürfnisse, die deine beiden Geschwister stellen. Es gab sie nicht, die Zeit, sich in eine einsame Hütte im Wald zu verkriechen und zu versuchen, die Scherben deines Selbst wieder zusammen zuflicken. Wir als Eltern mussten funktionieren und die Trauerarbeit nebenbei bewältigen. Ich bin müde. Ich bin enttäuscht. Ich habe Angst, dass meine Kraft erschöpft ist. Ich ärgere mich, dass ich nicht mehr die Julia bin, die ich gewesen bin. Dass mich dieser Verlust soweit von mir weggetrieben hat. Manchmal sehe ich sie. Dann begegnet sie mir kurz, reicht mir die Hand, nur um dann wieder im Nebel zu verschwinden. Und ich weiß nie, ob das jetzt ein Abschied auf ewig war. Die Frau, die ich jeden Morgen im Spiegel sehen, ist alt geworden. Sie sieht traurig aus. Verbittert. Sie erinnert mich so sehr an meine Mutter, die ihren Mann mit 40 Jahren verloren hat. Die auf einmal zwei kleine Kinder allein großziehen musste. Die sich nicht die Zeit zum Trauern nehmen konnte. Und die heute alleine lebt. Verbittert. Jetzt verstehe ich sie. Jetzt schäme ich mich, weil ich es ihr so schwer gemacht habe. Aber es macht mir auch Angst: so möchte ich nicht werden. Es ist ein dunkler Pfad, wenn man sich zurückzieht. Und manchmal sieht man kein Licht am Ende des Tunnels.

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10 Kommentare zu „Davor – Danach

  1. Ach Mensch, mir treibt es jedesmal die Tränen in die Augen.
    Ich kann mich auch noch sehr gut an den Tag erinnern letztes Jahr.
    Ich durfte das erste Mal für dich Probenähen.
    Und dann hast du uns den Verlust deines Sohnes mitgeteilt.
    Meine Mutter lag zu dem Zeitpunkt im Sterben, mit 60.
    Obwohl ich euch nicht kannte/ kenne, verstehe ich deinen Schmerz, man versucht und hofft, dass die Floskeln der „Kondolierenden“ wahr werden, es wird schon wieder, tut es aber nicht.
    Ich habe mich von der Welt zurück gezogen, habe mir Kompensationsmuster angewöhnt…
    Aber wie du sagst, der Schmerz bleibt, erst stechend dann stumpf aber nie auszuhalten!
    Das zweite Trauerjahr ist offenbar noch intensiver, beschissener.
    Im ersten Jahr funktioniert man und versucht klar zu kommen aber dann ist es plötzlich real… Und es kommt im Kopf an.
    Keine Ahnung wie es weiter geht… Mir hilft reden und ich kann mir vorstellen, es aufzuschreiben, ist ein bisschen wie Ballast abgeben…
    Begib dich auf die Suche nach der alten Julia, vielleicht findest du ein paar Fragmente und es macht es dir ein bisschen leichter.
    Fühl dich gedrückt. Danke, dass du deine Gedanken so mit uns teilst. ❤️

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    1. Danke. Ich weiß, ich bin nicht die einzige auf der Welt, die solch einen Verlust erlitten hat. Ich fühle mich schlecht. Weil ich weder für meine Family ganz da bin und weil ich so schwach bin. Ani’s Tod schmerzt. Chronische Schmerzen. Aber die Menschen, die sich verabschiedet habe, dass lässt mich den Glauben in wahre Freundschaft stark in Frage stellen.
      Fühl dich gedrückt und danke für deine Worte

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  2. Fühl dich gedrückt . Ich glaube das viele Leute Trauer nicht begreifen , das sie denken : so jetzt muss aber mal gut sein . Ist doch jetzt schon so und so lange her. Oder sowas wie : Es ging ihr doch schon besser, warum lässt sie sich jetzt wieder so hängen . Sie verstehen nicht das Trauer in Wellen kommt . Das sie sich hinterlistig von hinten anschleicht und einen umhaut . Und ich glaube das viele einfach nicht mit dieser Hilflosigkeit umgehen können . Das sie einem nicht helfen können . Halt dich an die Menschen die dich stärken . Ich wünsche dir alle Kraft der Welt und viele liebe Menschen und Worte und schöne Momente die deine Seele langsam etwas flicken .

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  3. Hallo Julia,

    ich könnte jetzt schreiben ich verstehe deinen Schmerz aber das schreibe ich nicht, denn diesen schlimmen Schmerz können nur die verstehen die ihn erlebt haben. Mir treibt es die Tränen in die Augen wenn ich so etwas lese. Und weißt Du es gibt komischerweise immer ein vor und danach. Ich hätte 2012 mit 32 Jahren Krebs. Ich habe ihn und alles was dazu gehört erstmal überstanden und auch mir geht es so mit dem davor und danach. Auch hier habe ich vermeintliche Freunde verloren weil diese Freunde mein Leid und meine Ängste nicht mehr hören wollten. Ich weiß aber heute das die die mir geblieben sind, die waren Freunde sind.

    Ich glaube auch, dass erst wenn Du Dir verzeihen kannst das Du nicht helfen konntest dann kannst Du versuchen das Geschehene zu verarbeiten. Es wird nie weg gehen. Es wird immer ein Loch geben aber es wird weniger. Das heißt nicht das Du dein Kind vergisst. So etwas schönes kann man nicht vergessen. Man lernt nur damit anders umzugehen. Ich weiß ich hatte ja nur Krebs aber es gibt viele Paralellen. Und auch heute nach 6 Jahren bin ich anders als wie davor. Ich hoffe Du verstehst was ich meine und wann immer Du schreiben willst schreibe ….

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  4. Ich weiß genau wie du dich fühlst, eigentlich könnte auch ich das geschrieben haben. Ich habe meinen 9 jährigen Sohn am 30.1. Diesen Jahres verloren, durch einen Verkehrsunfall den er mit seinem Papa hatte. Heute am 10. Geburtstag meines Engels, warich bei der Beerdigung meines Exmannes er hat die Schuldgefühle einfach nicht mehr ertragen, er hat sein Leben beendet um bei ihn zu sein😓

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  5. Liebe Julia,

    es wird noch ein schwerer Weg werden. Der Schmerz wird nie vergehen, aber er wird anders. Es wird der Tag kommen, an dem Du nicht mehr weinst, wütend oder enttäuscht bist, sondern mit einem kleinem Lächeln im Gesicht an sie denkst. An die schönen Momente die ihr hattet.
    Ich spreche leider aus Erfahrung, ich habe 2009 meine Tochter Emma und 2010 meine Tochter Olivia verloren. Ich kann dir nicht sagen es wird besser, es wird alles wieder gut, du wirst wieder die alte werden, denn so ist es nicht. Aber das Leben geht weiter und wird dir auch wieder schöne Momente schenken. Fühl dich gedrückt.
    L.

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  6. Liebe Julia,

    ich kann dich zu 100 % verstehen und deinen Schmerz nachvollziehen! Zwar habe ich mein Kind nie kennengelernt, weil es in der 39. SSW in meinem Bauch starb, aber die Trauer um ein Kind ist vermutlich ähnlich. So oft mache ich mir auch nach 3 Jahren noch Vorwürfe, dass ich hätte ahnen müssen, dass es meinem Kind nicht gut geht, dass ich unsensibel bin, dass ich schuld am Tod bin. Wie du schreibst, auch wenn man nichts tun kann, fühlt man sich doch verantwortlich. Bei mir geht das sogar so weit, dass ich mich und meinen Körper seitdem ziemlich ablehne. Mein Körper hat mein Kind getötet. Ich schaue mich nicht mehr gerne im Spiegel an, wer will schon so eine unzufriedene Versager-Visage sehen?

    Es mag dir zwar nicht helfen, aber ich bin froh zu lesen, dass ich nicht alleine so empfinde. Dass ich nicht „unnormal“ in meiner Trauer bin. Dass ich nicht die einzige bin, die ihr altes Ich gerne zurück hätte. Ich schaffe es auch nicht. Ich habe mehr gelacht, war optimistisch, frech, witzig. Zwar ist das nicht komplett weg, aber deutlich reduziert. Es tut mir weh, wenn mein Mann mir sagt, dass die Leichtigkeit aus unserer Beziehung durch diesen Schicksalsschlag weg ist, einfach weil ich nicht mehr so ein Wirbelwind bin, sondern mehr motze, mich öfter zurückziehe und weniger lache. Dann mache ich mir Sorgen, dass die Ehe dadurch vielleicht irgendwann zerbricht. Ich versuche zwar mich zu bessern, einfach ist es aber nicht, wenn ich mich nicht danach fühle.

    So oft denke ich darüber nach, ob ich mal mit einem Psychologen sprechen sollte. Unser Kinderwunsch ist aber noch nicht vorbei, soll ich mich wirklich der Trauer stellen in einer Zeit, in der ich positiv sein sollte? Vielleicht mache ich das irgendwann, wenn ich im Kopf bereit dafür bin.

    Im Geschäft wissen alle Kollegen von meinem Verlust, die mich damals hochschwanger gesehen haben. Es ist ein Teil von mir, dafür muss ich mich nicht schämen oder verstecken. Und die Reaktionen sind mir egal. Die Gesellschaft hat verlernt mit Trauer umzugehen, es ist etwas Privates, was man nicht zeigt und worüber man nicht redet. Ich rede darüber. Mein Kind darf überall dabei sein, so unangenehm es vielleicht für andere Personen ist.

    Auf der anderen Seite macht mir dein Eintrag Angst. Ich habe mein Kind verloren bevor es geboren war. Aber was ist, wenn meinem anderen Kind später etwas ähnliches wie dir passiert? Oder ein anderer Unfall? Da bekomme ich schon Enge in der Brust und leichte Panik. Die Verlustangst ist allgegenwärtig. Ich mag mir gar nicht ausmalen wie das für dich mit deinen anderen Kindern ist. Am liebsten würde man die Kinder dann nehmen, in Watte ganz dick einpacken und in einem goldenen Tresor einsperren.

    Abschließend würde ich dir gerne was Positives sagen. Aber was soll ich sagen, ohne dass es als übliche Floskel klingt? Ich möchte dir gerne vor Augen führen was hinter dir liegt und wie stark du wirklich bist! Du bist an diesem Verlust nicht zerbrochen. Du schreibst dir deine Gedanken von der Seele und setzt dich damit auseinander. Du bist bereit dich deinen Gefühlen erneut zu stellen und leistest eine gesunde Trauerarbeit. Das erfordert viel geistige Stärke und psychische Stabilität. Ich habe den Fehler gemacht mich auf FB in eine Selbsthilfegruppe aufnehmen zu lassen. Ich habe die Beiträge und Kommentare für 10 Minuten gelesen und bin dann sofort wieder raus aus der Gruppe. Dort sind Schicksale, die den Verlust WIRKLICH nicht verarbeitet haben. Du lebst weiter. Du lebst dein Hobby weiter aus. Du hast Spaß mit deinen Kindern, nicht weil es erforderlich ist, sondern weil du es willst. DU bist noch da! Dein altes Ich ist nicht verschwunden, es ist nur sparsamer.

    Fühl dich unbekannterweise ganz doll gedrückt!

    Heike

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    1. Heike,
      was soll ich schreiben? Wir sind definitiv nicht alleine. Viele Eltern verlieren ihre Kinder. Egal ob vor oder nach der Geburt: das Kind gehörte zum Leben dazu.
      Ich versuche gar nicht ständig Angst zu haben, es könnte den anderen was passieren. Aber manchmal klappt es nicht. Wenn mein Mann mal später kommt – nur 10 min, denke ich schon, er hatte einen Unfall. Unser jüngster hatte direkt nach Anis Tod einen Pseudokruppanfall. Und ich dachte so: ja, jetzt erstickt er. Das passiert jetzt. Mein zweites Kind stirbt. Wenn einem einmal etwas schlimmes widerfahren ist, fehlt diese Leichtigkeit.
      Aber wir leben noch. Wir stehen auf. Und momentan läuft es. Es gibt schlimme und gute Tage. Aber ich habe es in der Hand. Ich entscheide über mein Leben und wie ich mit den Dingen, die um mich herum passieren, umgehe.
      Ich habe mir übrigens relativ schnell eine Psychologin gesucht. War die richtige Entscheidung. Zum reden, zum verstehen oder eben einfach nur, dass mal jmd sagt, wie toll man einige Dinge macht.
      Fühl dich gedrückt! Wir sind stark!

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